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Interview mit Ralf Perplies

Die ersten 100 Tage

Interview mit vhs-Direktor Ralf Perplies

100 Tage – so viel Zeit gesteht man Menschen in einer neuen Position üblicherweise zu, um sich in ihrem neuen Aufgabenfeld zu orientieren, das Team kennen zu lernen und eigene Strategien zu entwickeln. Ganz so lang ist Ralf Perplies Mitte Dezember, als wir dieses Gespräch führen, noch nicht im Amt. Wir haben ihn trotzdem schon einmal gefragt, wie er die Zeit seit dem 1. Oktober erlebt hat und welche Visionen und Wünsche er für die Zukunft der Weiterbildung in Bremen hat.
 

Worauf haben Sie sich am meisten gefreut, als klar war, dass Sie der neue Direktor der Bremer vhs werden?

Ich habe mich darauf gefreut, meine ganze Energie künftig auf eine Einrichtung konzentrieren zu können. Und darauf, stärker mit den Menschen zusammen arbeiten zu dürfen, die ich teilweise schon sehr lang aus meiner Zeit als Referatsleiter in der Kulturbehörde kenne. Ich finde es großartig, anpacken und stärker gestalten zu können.

Welche Elemente aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Pädagoge und Bremer Bildungsmanager nützen Ihnen bisher am meisten in Ihrer neuen Position?

Die vhs hat so viele unterschiedliche Aufgaben und Funktionen, dass ich meine ganze Berufserfahrung einbringen kann. Mein bunter Lebenslauf setzt sich aus vielen unterschiedlichen beruflichen Stationen zusammen und hat mich oft Optimismus gelehrt. Meine Erfahrung ist: Es gibt immer einen Weg. Mein Netzwerk, das ich mir über viele Jahre im Kulturessort aufgebaut habe, zeigt großes Interesse an der Arbeit und dem Wirken der Bremer vhs. Das hilft mir fest zu glauben, dass jegliche Probleme sich lösen lassen.

Lernen ist das „Kerngeschäft“ der Bremer vhs. Welchen Stellenwert hat Lernen für Sie persönlich und was haben Sie selbst in den ersten Wochen gelernt?

Bildung, Lernen, Wissen aufbauen ist für mich der Schlüssel zu allem. Ich wäre nie zu dem Menschen geworden, der ich heute bin, wenn ich nicht tagtäglich dazu lernen würde und dazu gelernt hätte. Ich arbeite nun in einem Haus, das genau diesen Ansatz verfolgt und auf so vielen unterschiedlichen Ebenen eine hohe fachliche Expertise hat. Die Bremer vhs begleitet ihre Lernenden aktiv auf ihrem Weg und schafft nachhaltig einen Wert für die Menschen und das Zusammenleben. Es sind unzählige Menschen hier im Haus – Mitarbeiter*innen und Dozent*innen gleichermaßen –, die ihre wertvollen Kompetenzen einbringen. Das ist auch für mich persönlich ein großer Gewinn, weil ich gefordert werde, mich mit diesem Wissen stetig weiterzuentwickeln. 


Über Ralf Perplies

Seit 1. Oktober 2021 ist Ralf Perplies Direktor der Bremer vhs. Der 56-Jährige stammt aus Bremen und ist Diplom-Pädagoge mit Schwerpunkt in der Erwachsenenbildung. Nach seinem Studium begleitete er zunächst verschiedene Unternehmen in der Betriebs- und Organisationsentwicklung, bevor er 2004 in den Öffentlichen Dienst des Landes Bremen wechselte.

Beim Bremer Rechnungshof war er zuständig für die Bereiche Bildung und Kultur. 2013 übernahm er die Leitung des Referats Stadtkultur, Bürgerhäuser, Migration, Kulturpädagogik, Frauenkultur und Eigenbetriebe kultureller Bildung beim Senator für Kultur. Dort führte er unter anderem von Mai 2020 bis Februar 2021 die Musikschule Bremen als Interimsdirektor.

Was hat Sie am meisten überrascht oder beeindruckt?

Ganz klar: das Engagement der Beschäftigten. Das Haus ist voller Menschen, die etwas für die Stadt, für die Stadtgesellschaft erreichen wollen, egal auf welchen Ebenen sie Verantwortung übernehmen. Sie identifizieren sich sehr stark mit der Arbeit und der Stadt. Das beeindruckt mich.

Wie lautet Ihr Zwischenfazit nach den ersten Monaten? 

Ich bin im Oktober gestartet, also zu einer Zeit, die auf Hoffnung ausgerichtet war. Wir konnten hoffen, den trostlosen Pfad der Einschränkungen zu verlassen. Nun mussten wir aber wieder in den Krisenmodus umschalten. Darin sind wir inzwischen sehr gut, aber es kostet die Einrichtung ungeheuer viel Kraft, zuversichtlich zu bleiben. Das lässt auch Optimisten wie mich nicht kalt. 
Trotzdem habe ich ein tiefes Vertrauen darin, dass das krisenerprobte Team auch diese neuerliche Verschärfung der Corona-Maßnahmen für unser Haus und die Bremer*innen meistern wird.

Armut und soziale Benachteiligung sind Themen, die in Bremen leider sehr präsent sind. Welchen Beitrag kann die Bremer vhs unter Ihrer Leitung dazu leisten, dass soziale Ungerechtigkeit geringer wird?

Gerade ist der Armuts- und Reichtumsbericht erschienen. Wir liegen bei der Armutsquote in Bremen bei fast 25 Prozent und damit als einziges Bundesland über der 20-Prozent-Marke. Fast jede vierte Person im Land Bremen hat zu wenig Geld zum Leben und ist damit von Armut bedroht. Dagegen müssen wir etwas tun! Neben vielen Bestrebungen, sozialen Ungleichheiten auf anderen Ebenen zu begegnen, ist für mich Bildung der Schlüssel, um Menschen aus der Armut herauszubekommen und soziale Ungerechtigkeit abzubauen. Nur durch faktenbasiertes Wissen kann man für sich selbst und für die Gesellschaft Veränderungen herbeiführen und aktiv werden. Deshalb wird es darum gehen, wie wir Bildung auf der vollen Breite zu den Menschen bekommen - niemand wird ausgeschlossen!

Was ist Ihre persönliche Vision von einer vhs der Zukunft, etwa im Jahr 2030?

Eine Vision zu entwickeln, die eine Einrichtung wie die Bremer vhs über einen solchen langen Zeitraum auf etwas festlegt, widerspricht dem, was „Volkshochschule“ im Kern ausmacht. Die vhs lebt von der Interaktion mit den Menschen. Wir nehmen ja ihre Themen fortlaufend in unsere Programmentwicklung auf. Dazu müssen wir immer wieder die Bedürfnisse der Menschen im Blick haben. Ich denke da besonders an diejenigen, die aktuell noch gar nicht zu uns kommen und die wir so dringend erreichen wollen. Dafür brauchen wir einen engen Kontakt zur bremischen Stadtgesellschaft. So steht am Ende vielleicht keine Vision, aber ganz klar das Ziel, die Bremer vhs als Lern- und Lehrraum für alle Menschen zu bewahren. Unsere Welt wandelt sich sehr schnell und wir müssen im Sinne des Lebenslangen Lernens Angebote ausbauen, mit denen alle in unserer Gesellschaft den Anschluss behalten.

Wenn heute die gute vhs-Fee vorbeischauen würde und Sie hätten einen vhs-bezogenen Wunsch frei: Was würden Sie ihr sagen?

Normalerweise würde an dieser Stelle der Wunsch nach mehr Geld kommen. Ich denke aber, man muss einen Schritt vorher anfangen. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in Bremen und der Region die Angebote der Bremer vhs viel besser kennen, als das zurzeit der Fall ist. Ich bin sicher, dass mehr Sichtbarkeit automatisch Verbesserungen in anderen Bereichen nach sich ziehen würde. Dann müsste ich mir auf jeden Fall nicht wünschen, mehr Wünsche haben zu dürfen.


Das Gespräch führte Johanna Köster-Lange für die Online-Redaktion der Bremer vhs.