Julius Bamberger - Spuren eines wechselvollen Lebens

Als die Bremer Volkshochschule 2007 das Bamberger-Haus bezog, waren genau 100 Jahre vergangen, dass der jüdische Kaufmann Julius Bamberger sein Kaufhaus, im Volksmund Bambüddel genannt, in der Faulenstraße gegründet hatte. Mit der Eröffnung des neuen VHS-Standortes rückte auch die Biografie des Kaufhausgründer wieder in den Fokus. Nachdem Günther Rohdenburg 2000 den biografischen Band "Das war das neue Leben" herausgegeben hatte, konzipierten Ulrike Osten und Caroline Schemmel eine Ausstellung über das Leben Bambergers. Mit "Auf den Spuren eines wechselvollen Lebens" haben sie Teile der Biografie nachgezeichnet, indem sie jeweils bestimmte Facetten besonders betonen, die hier kurz skizziert werden. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Empfang der VHS-Geschäftsstelle in der Faulenstraße 69 erhältlich ist. Regelmäßig werden Führungen durch die Ausstellung von den Autorinnen angeboten. Führungen für Gruppen können Sie jederzeit buchen über c.schemmel@nord-com.net.

© Lynne Sprecher

Julius: Hinaus in die Welt
Julius Bamberger wird am 17. März 1880 in Schmallenberg im Sauerland geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen: Die Eltern betreiben einen kleinen Laden und einen Bauernhof. Hier wachsen Julius, seine ältere Schwester Selma und der jüngere Bruder Curt auf. Die jüdische Familie ist in dem kleinen westfälischen Ort seit Generationen verwurzelt. Als erwachsener Mann schwärmt er von der schönen Landschaft, den Hügeln, Wiesen und Bächen.

© Bremer Nachrichten

Gründer: Ein Kaufhaus für den Bremer Westen
Mit 27 Jahren zieht Julius Bamberger nach Bremen und gründet 1907 das KAUFHAUS JULIUS BAMBERGER. Im Septem­ber öffnet das Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft seine Pforten in der Doventorstraße 1. Die zwei Etagen Verkaufsfläche - zunächst nur gemietet - bestechen durch ein großes preisgünstiges Warenangebot: Es gibt 50 Spezialabteilungen. Neben Schreibwaren, Lebensmit­teln, Teppichen, Kleiderstoffen, Babyartikeln und Kor­setts sind auch Hüte, Leibwäsche, Möbel, Pfannen und Arbeiter-Garderoben im Sortiment.

© Lynne Sprecher

Vater: Familiengründung
Julius Bamberger heiratet Frieda Rau kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Oslo. Er ist Jude, sie Christin. 1923 adoptiert das Ehepaar die zwei Jahre alten Zwillinge Anneliese und Egon, die bereits seit einem Jahr mit ihnen gemeinsam in der Georg-Gröning-Straße 26 leben. Es wird vermutet, dass Bamberger ihr leiblicher Vater ist.

© Kulturhaus Walle Brodelpott e.V.

Visionär: Ein innovativer Kaufmann
Julius Bamberger ist ein Kaufmann mit Visionen und gro­ßem geschäftlichem Erfolg. 1924 beginnt er mit dem Umbau des Warenhauses und investiert in fortschrittliche Ideen. Zum 25-jährigen Jubiläum 1932 steht am Doventor ein imposanter Neubau, der sich mit seiner modernen Architektur an den größten Kaufhäusern der damaligen Zeit orientiert.

© Lynne Sprecher

Wohltäter: Ein Unternehmer mit sozialer Verantwortung
Das Bambüddel floriert: Julius Bamberger gehört mit seiner Familie zum wohlhabenden Bremer Bürgertum und pflegt einen gutbürgerlichen Lebensstil. Trotzdem gilt sein Inte­resse nicht nur dem Gewinn. Er unterhält im Kaufhaus eine Armenküche, spendet für wohltätige Zwecke und ist als Kulturmäzen aktiv.

© Jüdisches Gemeindeblatt Bremen

Kämpfer: Ein Streiter für die Rechte der Juden
Julius Bamberger ist Patriot und fühlt sich als Teil der deutschen Gesellschaft. Er ist nicht nur ein angesehener Kaufmann, sondern auch bekannt als mutiger Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden. Er erkennt die Gefahren der nationalsozialistischen Propaganda sehr früh und kämpft gegen den alltäglichen Antisemitismus.

© Staatsarchiv Bremen

Verfolgter: Verleumdung – Enteignung – Vertreibung
Die Nationalsozialisten beginnen gegen Julius Bamberger in den 1930er Jahren eine gezielte Hetze. Sie richtet sich gegen ihn als Juden und als Kaufhausbesitzer. Die systematische Vertreibungspolitik ruiniert Bamberger wirtschaftlich. Seines Vermögens beraubt, flieht er 1937 aus Deutschland.

© Staatsarchiv Bremen

Flüchtling: Die Hoffnung auf Gerechtigkeit
Julius Bamberger flüchtet 1937 in die Schweiz. Es gelingt ihm, weiter nach Frankreich zu fliehen und seine Kinder Anneliese und Egon aus dem Schweizer Internat zu sich zu holen. Bambergers Frau Frieda bleibt in Bremen. Nach vielen Stationen der Flucht und Internierungen in französischen Lagern verlassen Bamberger und seine Kinder 1941 Europa in Richtung USA.

© Karl Edmund Schmidt

Emigrant: Zwischen den Welten
Nach vier Jahren auf der Flucht erreichen Julius Bamberger und seine Kinder Anneliese und Egon im September 1941 endlich New York. Sie sind in Sicherheit. Bamberger kommt in die USA als kranker Mann. Dennoch versucht er, sich eine Existenz aufzubauen, und gründet ein Juweliergeschäft in San Francisco. Aus Krankheitsgründen muss er es 1950 aufgeben. Ein Jahr später stirbt Bamberger 71-jährig an Krebs.

Die Ausstellung

Verteilt über die neun Stockwerke des Treppenhauses ergeben sich für die Besucherinnen und Besucher immer wieder interessante Einblicke und Perspektiven. Mit einigen Bildern möchten wir Sie neugierig machen und einladen, diese Ausstellung von Ulrike Osten und Caroline Schemmel (Gestaltung Silke Nachtigahl) zu besuchen. Träger des Projektes ist die Kulturwerkstatt westend e.V.

© André Hemstedt

Treppenauge Die Ausstellung befindet sich im Treppenhaus im Turm des Bamberger-Hauses und gliedert sich in neun Kapitel. Interessierte können von oben absteigend das Leben Julius Bambergers auf neun Etagen umrunden.

© André Hemstedt

Lebenslinien. Über 400 m Stahlseile, die durch das Treppenauge von der Decke bis zum Erdgeschoss gespannt sind, versinnbildlichen die Wege, die Julius Bamberger im Laufe seines Lebens beschritten hat.

© André Hemstedt

Reiches Leben. Im Übergang vom 6. zum 5. Geschoss weitet sich das Treppenauge und die Seile, die Bambergers Lebenslinien symbolisieren, springen auf. Hier, in der Mitte des Lebens, ist Julius Bamberger auf dem Höhepunkt seiner Karriere und seines geschäftlichen Erfolges.

© André Hemstedt

Auf- und Abstieg. Die Lebensgeschichte Bambergers von Auf- und Abstieg, von Verfolgung, Entrechtung und Vertreibung wird anhand der Ausstellungstafeln erzählt, die an den Stahlseilen befestigt sind.

© André Hemstedt

Arm und reich. Bamberger sieht sich als Unternehmer in der Verantwortung und betreibt eine Armenküche in seinem Kaufhaus. Für viele kinderreiche Familien aus den Hafen- und Arbeitervierteln ist das ein Segen, können sie doch von dort warmes Essen mit dem Henkelmann nach Hause tragen.

© André Hemstedt

Stachelbeere. In einigen Geschossen illustrieren Inszenierungen die Themen. Im Kapitel „Vater“ schmückt das Bild einer großen Stachelbeere das Zitat an der Wand.

© André Hemstedt

Spiegeltabletts. Die Kaufhausgründungen liegen nicht zufällig in der Zeit der Industrialisierung. Die maschinell hergestellte Massenware macht die Idee der Warenhäuser, eine große Auswahl von Produkten preiswert anzubieten, erst möglich. Die Tabletts an der Wand spielen darauf an, erinnern aber auch an die Zerrspiegel, die Julius Bamberger zur Belustigung seiner Kunden in das Treppenhaus des Kaufhauses hing.

© André Hemstedt

Gedichte. Bamberger hat in seiner Zeit als Flüchtling in Frankreich zahlreiche Gedichte geschrieben. „Gepanzertes Herz“ ist eines von 38 überlieferten Gedichten. Sieben davon finden sich in der Ausstellung

© André Hemstedt

Fragen. Wer auf einer der neun Etagen im Turm durch die Tür in das Treppenhaus kommt, liest den Titel des jeweiligen Kapitels und bekommt eine Frage gestellt. Besucherinnen und Besucher werden so mit sich selbst konfrontiert. Sie konsumieren nicht nur Geschichte, sondern stellen mit der Frage auch den Bezug zu sich selbst her. So lassen sich Brücken schlagen zwischen der Vergangenheit und dem Heute.

© André Hemstedt

Zerrissenheit. Das Gedicht „Ein Mann?“ von Julius Bamberger ist als zerrissener Text auf zwei Kunststoffplatten gedruckt. Die Inszenierung steht für Bambergers Situation im Exil, zwischen den Welten zu Hause zu sein.